Immer ein Weg - Marion Bleckenwegner

Das Glück erkennen

Ein junger Mann fand, er habe zu wenig Glück im Leben und beschloss, Gott aufzusuchen, um ihn zu bitten, das zu ändern. Man sagte ihm, Gott wohne in der Tiefe eines großen Waldes, und so machte er sich auf den Weg.
Am Waldrand traf er einen Wolf. "Junger Mann, wohin gehst du?", rief der Wolf. "Zu Gott, damit er einen Glückspilz aus mir macht", antwortete der junge Mann. "Wenn du Gott siehst", sagte der Wolf, "frag ihn doch, warum ich immer solchen Hunger habe." "Mache ich", versprach der junge Mann und ging weiter.
Als er ein Stück durch den Wald gegangen war, kam er an einer schönen jungen Frau vorbei, die traurig an einem Fluss saß. Sie rief ihn zu sich: "Junger Mann, wohin gehst du?" "Zu Gott, damit er einen Glückspilz aus mir macht", antwortete der junge Mann. "Wenn du ihn siehst, frag ihn doch bitte, warum ich immer so unglücklich bin", bat die junge Frau. "Ich frage ihn", sagte der junge Mann unnd setzte seinen Weg fort.
Nach einer Weile hörte er wiederum eine Stimme, die ihn rief. Sie kam von einem Baum, der in der Nähe des Flusses stand: "Junger Mann, wohin gehst du?" "Zu Gott, damit er einen Glückspilz aus mir macht", antwortete er. "Wenn du ihn siehst, frag ihn bitte, warum ich immer so durstig bin", bat der Baum. "Geht in Ordnung", sagte der junge Mann und ging weiter.
In der Mitte des Waldes traf der junge Mann Gott. "Gott", sagte er, "ich möchte, das du einen Glückspilz aus mir machst. Mein ganzes Leben lang habe ich Pech gehabt. Zur Abwechslung könnte ich etwas Glück gebrauchen." ...

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"Okay", sagte Gott, "so sei es."
Bevor der junge Mann sich wieder auf den Rückweg machte, stellte er Gott die Fragen der drei, die er unterwegs getroffen hatte. Dann eilte er zurück, um sein neues Leben zu beginnen. In seiner Aufregung lief er an dem Baum vorbei, aber der rief ihn: "Junger Mann, was ist mit meiner Frage?" "Ach ja, Gott sagte, du bekommst nicht genug Wasser, weil zwischen deinen Wurzeln und dem Fluss ein vergrabener Schatz liegt. Aber ich kann mich nicht länger mit dir unterhalten, denn ich habe es eilig. Ich bin jetzt ein Glückspilz!"
Er rannte weiter, und als er an der jungen schönen Frau vorbei kam, rief sie: "Junger Mann, was ist mit meiner Frage?" "Ach ja", rief er im Laufen zurück, "Gott sagte, du bist so unglücklich, weil du einsam bist. Er sagte, dass ein gutaussehender Mann hier vorbeikommen würde und sich in euch verlieben wird und ihr glücklich leben könntet bis ans Ende eurer Tage. Aber nun muss ich schnell weiter, ich habe jetzt Glück, und mein neues Leben wartet!"
Als er aus dem Wald gelaufen kam, rief der Wolf ihm zu: "Junger Mann, was ist mit meiner Frage?" "Ach ja", antwortete der junge Mann, "Gott sagte, du bist so hungrig, weil du nicht genug zu fressen hast. Doch falls der Narr weit genug kommt, um dir das auszurichten, kannst du ihn zum Mittagessen haben."

[Kambiz Poostchi (Hrsg.) (2013). Goldene Äpfel. Spiegelbilder des Lebens (5.Auflage). Petersberg: Verlag Via nova. S.94-95]