Immer ein Weg - Marion Bleckenwegner

Der Schmetterling

Auf seinem Spaziergang entdeckte ein Mann in den Zweigen eines Baumes einen Kokon. Neugierig trat er näher und sah, dass sich ein kleines Loch aufgetan hatte, eine winzige Öffnung. "Welch ein Glück", dachte er bei sich, "bei der Geburt eines Schmetterlings dabei sein zu können." Er vergaß die Zeit und alles um sich, während er dem fasznierenden Schauspiel der Natur folgte. Stunde um Stunde mühte sich der kleine Schmetterling ab, aus dem Kokon zu schlüpfen, aber es schien nicht zu gelingen. Die Öffnung hatte sich trotz der übermäßigen Anstrengungen kaum vergrößert, obwohl dieser immer wieder einen neuen Versuch unternahm. Und dann schien es, als hätte der Schmetterling aufgegeben. Nichts rührte sich mehr. Der Mann hatte den Eindruck, dass der kleine Schmetterling alles versucht hatte, was in seinen Kräften lag und nun völlig verausgabt war.
Er tat ihm zutiefst Leid. "Das arme Ding", dachte der Mann bei sich, "es ist überfordert, es schafft es nicht!" Also entschied der Mann zu helfen. Er holte sein Taschenmesser heraus und machte ganz vorsichtig einen Schnitt in den Kokon, sodass nun die Öffnung groß genug war, dass der Schmetterling bequem und ohne Anstrengung herausschlüpfen konnte.
Da war er nun endlich, der neugeborene Schmetterling, befreit aus dem engen Kokon. Der Mann fühlte sich glücklich und irgendwie auch stolz, da er ja der Geburtshelfer gewesen war. Doch fiel ihm auf, dass der Körper des Schmetterlings klein und verkrampft war, auch die Flügel waren wenig entwickelt und bewegten sich kaum. Geduldig wartete der Mann darauf, dass der Schmetterling jeden Augenblick seine Flügel ausbreiten und losflattern würde. Doch nichts geschah, solange er auch ausharrte...

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Die Flügel waren zu schwach, um den Körper zu tragen. Der Schmetterling war nicht fähig zu fliegen und würde den Rest seiner Tage mit dem verunstalteten Körper und den wenig entwickelten Flügeln kriechend verbringen müssen.
Was der Mann in seiner wohlmeinenden Hilfsbereitschaft nicht verstanden und bedacht hatte, war die Sinnhaftigkeit der Vorkehrungen der Natur. Die Anstrengung, durch das kleine Loch im Kokon zu schlüpfen war notwendig, damit sich die Körperflüssigkeit des Schmetterlings in die Flügel verteilte und diese kräftig genug würden, den Körper im Flug zu halten. Das war der Weg zu Wachstum und Entwicklung.
Ohne Beschwernisse und Anstrengungen im Leben können sich niemals jene Kräfte und Fähigkeiten entwickeln, die uns in die Lage versetzen, Begrenzungen zu überwinden und uns zu neuen Höhen emporzuschwingen.

[Kambiz Poostchi (Hrsg.) (2013). Goldene Äpfel. Spiegelbilder des Lebens (5.Auflage). Petersburg: Verlag Via nova. S.128-129]